Eine Lösung (24/2009)

Eine Lösung (24/2009)

Sonntag, 07. Juni 2009
Bundeswehrboy
Gothicgirl
Maslowman
Sonderschüler
Sternenschwester
Wirt

„Eine Lösung mit hohem prozentualem Alkoholgehalt ist einer Lösung, mit deutlich geringerem Alkoholgehalt stets überlegen. Halbherzige Gesöffe kicken nicht. Und kein Alkohol ist auch keine Lösung, selbst wenn ein klarer Kopf die beste Droge sein sollte. Prost meine jungen Gäste!“ Der Wirt ist heute besonders stolz auf seinen schicken Anzug, mit dem er wählen war. Es ärgerte ihn sehr, dass er einen dicken Regenmantel gleich einer schützenden Rüstung darüber tragen musste. Gothicgirl: „Ich hab‘ auch an so einem Wahl-O-Maten-Test mitgemacht – und ausgerechnet die Partei Bibeltreuer Christen war recht weit vorne. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich glaub‘, dass ist wie mit den Piraten: Die gestalten ihre Wahlprogramme so, dass sie bei so etwas gut abschneiden. Haben aber kein klares Konzept. Keine politisch durchsetzbaren Vorstellungen, keine klare Linie. Und meine Stimme habe ich noch nicht abgegeben. Hoffentlich komme ich später noch dazu. Wenn nicht ist es nicht so wild, bei so vielen Wahlberechtigten wiegt meine Meinung ohnehin kaum etwas. Diese religiös motivierten Organisationen können jedenfalls lange und länger auf meine Zustimmung warten. Um sie betteln solange sie wollen. Auf ihren Knien flehen. Von mir aus ewig.“ „Tja, der Köder muss eben dem Fisch schmecken. Nicht dem Angler. Und von den Berechtigten geht ja nur ein Bruchteil zur élection europenne, das erhöht den Wert deines Kreuzchens“, erklärt der Bundeswehrboy. „Ach hör mir bloß mit französisch auf. Die nennen die Erde Mond!“ „Monde! Das wird anders ausgesprochen und heißt eigentlich Welt. Die Erde eigentlich terre“, sagt Sternenschwester. „Monde kann aber auch Erde heißen.“

„Aber gerade ihr Jugendlichen solltet dringend abstimmen“, mischt sich Maslowman ein, „denn es geht um eure Zukunft. Schön, dass ihr die Sprachen unserer Nachbarn lernt, denn dies ist für die internationale Integration von ganz entscheidender Bedeutung. Seid froh, dass die blutige Epoche in unserem europäischen Haus vorüber ist und ihr in Frieden leben und lieben könnt. Aber sägt nicht an den Säulen unseres Staatenbundes. Hängt nicht an der Vergangenheit. Blickt nach vorne. Wählt Zukunft, denn sie ist die Zeit, in der wir leben werden. Brecht die Zelte der Vergangenheit ab. Befriedigt die Grundbedürfnisse für alle Europäer. Löst das Milch- und Butterbergproblem. Als zweiten Schritt darüber hinausgehende Wünsche wie etwa das Sicherheitsbedürfnis. Organisiert und strukturiert eure Streitkräfte um. Gibt es nur noch ein europäisches Heer könnt ihr untereinander erst recht keine Kriege mehr führen.“ „Das hat den Nachteil, dass wir ganz und gar von den Bündnispartnern abhängig wären und damit unsere eigene Handlungsfreiheit eliminieren würden. Das kann zu existenziellen Notsituationen führen, in denen wir überhaupt nicht reagieren könnten. Das sehe ich sehr kritisch. Dem stehe ich äußerst ablehnend gegenüber, so sehr und so gern ich den europäischen Traum auch träume“, gibt Bundeswehrboy zu bedenken. „Wie dem auch sei. Erst danach macht es Sinn, soziale Problemstellungen in Angriff zu nehmen. Anschließend bietet sich die Möglichkeit, Luxusbedürfnisse, insbesondere materieller Natur zu befriedigen und flugs könnt ihr nach Selbstverwirklichung streben, damit etwas bleibt, von jedem Einzelnen etwas Persönliches.“ Das Bild runzelt Nase und Stirn. Sorgenfalten zieren seinen Anblick an diesem verregneten und bewölkten, europäischen und spannenden Nachmittag.

„Oh Mann“, spricht der Sonderschüler, „Maslow und seine Pyramide. Glaubt ihr, dass dieses Theoriegewichse Probleme löst?“ „Es stellt dafür zumindest eine Basis dar“, meint Maslowman. Sternenschwester bestellt sich noch einen Schnaps und beschließt spontan, eine Lokalrunde zu schmeißen. „Kluges Gerede, meinetwegen mit guter Absicht. Intention, wie ihr das nennen möget. Aber den Kern des Problems trefft ihr nicht und Egoismus, Blödsinn und Dummheit machen euch einen Strich durch die Rechnung. Zufall bringt eure schöne heile Welt zu Fall.“ „Na jedenfalls wäre ich um ein Haar fast so weit gewesen, die Europeans zu wählen. Dann tendierte ich zur ÖDP und bin letzten Endes bei den Grünen gelandet, aber das hatten wir ja schon mal“, bemerkt Bundeswehrboy. „Wenn du damit mal nicht auf der Fresse landest. Nimm es mir nicht übel, was weiß schon ein kleiner Sonderschüler“, stänkert der Jüngste am Tisch. „Seht in die Sterne, habt Visionen und macht immer das Beste daraus. Aus allem. Politik ist gar nicht wichtig und interessiert mich nicht. Gelbe Sterne. Blauer Himmel. Könnten wir mal eben das Thema wechseln?“ fragt die Sternenschwester. „Was gestern verrückt war ist heute normal. Was heute verrückt ist, wird morgen normal sein. Und die Denker denken, Politiker politisieren und Wasser läuft währenddessen den Fluss hinunter. Das ist doch alles Zeitverschwendung. Ihr lebt am Leben vorbei.“ „Wir versuchen eben zu gestalten, obwohl ich auch unpolitisch bin“, goutiert Gothicgirl, „aber an dem Ausfüllen des Wahlscheins breche ich mir nichts ab. Und ja, du hast prinzipiell Recht. Carpe diem. Lebe den Tag, nutze jeden Moment. ‚Solang du lebst bist du ein Sterbender‘, wissen nicht nur Düsseldorfs Tote Hosen.“

„Aber eine klitzekleine Kleinigkeit muss ich noch loswerden: Wenn die Frauenpartei für Gleichberechtigung steht – werden die Mädchen demnächst auch Grundwehrdienst leisten? Viele Namen haben die eh nicht am Papier stehen. Und noch nicht einmal ohne Männer scheinen die antreten zu können. Hm, Europa wurde nicht an einem Tag aufgebaut und unsere Union wird nicht an einer Wahl zu Grunde gehen. Unsere Bürokraten-Vereinigung. Eine simple Lösung scheint es nicht zu geben. Die Mischung macht es. Und so lange die uns unser Bier nicht verbieten, stört sich in Bayern eh keiner an deren Tun. Hier wird niemand auf die Barrikaden gehen. Die werden schon nicht am Reinheitsgebot rumpfuschen. Ich hoffe nur, dass sie nie endet, die Wohlfahrt des Volkes.“
Fortsetzung folgt.
© politecke

1 Kommentar 7.6.09 15:31, kommentieren

Werbung


Am Marterpfahl (23/2009)

Am Marterpfahl (23/2009)
 

Sonntag, 31. Mai 2009
Allroundanarchist
Bundeswehrboy
Friedensfreund
Gothicgirl
Muskelmann
Wirt


„Am Marterpfahl endete schon so mancher Querdenker.“ Rezitiert der Wirt und serviert eine neue Runde. Er schenkt seinen Gästen reinen Wein ein. Bei diesem Gedanken verzieht das Bild seine Nase. „Na hoffentlich bekommt mir dein Wein besser, das Bier schmeckte schal“, stänkert der Bundeswehrboy. Während der Friedensfreund unterdessen mit dem ganz klischeemäßig  in  schwarz gekleideten Gothicgirl flirtet spricht der Allroundanarchist: „Deine Weisheiten kümmern mich nicht. Ist der Denker schlau genug, kann er derartige Probleme allzeit umschiffen. Und allzu viel denken bringt ohnehin nichts. Fühlen liefert viel wertvollere Ergebnisse. Zudem kann man das, was so viele als ‚denken‘ bezeichnen kaum als solches deklarieren.“ Muskelmann möchte auch mitreden, kann aber nur noch lallen. Ihn versteht keiner. Gothicgirl: „Was? Ich hab zwar kein Wort verstanden, aber ich sag mal so: Ist schon bezeichnend, dass du dich ausgerechnet bei diesem Thema einmischen willst. In Fitnessstudios werden doch auch nur die Muskeln trainiert. Gehirne müssen draußen bleiben. Schätze mal, du wolltest darauf hinweisen, dass sich Muskelmasse gegen Intelligenz durchsetzt. Da muss ich dich gehörig enttäuschen.“


„Trotzdem: Weise Gedanken weisen wuchernde Unvernunft nicht in die Schranken. Was wollen wir jetzt also wählen? Rechts? Links?“ führt der Wirt die Diskussion zum Ausgangsthema zurück. „Diesen Piraten-Wahl-o-Maten, der zum Ändern klar machen will oder das beziehungsweise die FBI oder gar EDE – ob die was mit Stoiber am Hut haben? Die Violetten? Die kennt keiner. Welche Partei? Newropeans? Volksentscheide? Kommunisten? Sozialisten? BüSo? Oder eine Rentnerpartei? Da gibt’s ja fast mehr von als Rentner. Oder doch wieder den alten Brei? Jetzt erst mal ‚Prost‘, bevor ihr antwortet. Esst und trinkt so lange es euch schmeckt – schon zweimal ist das Geld verreckt!“


„Jede Entscheidung ist ein Massenmord an Möglichkeiten. Dieser Brei hat sich aber zumindest bewährt!“ bekundet der Bundeswehrboy seine anerkennende Ansicht. „Gläser hoch und stoßet an, auf das deutsche Vaterland!“ „AKWs oder Tempolimits – was ist eigentlich schlimmer? Tierschutz? Da gibt’s viel dringendere Themen. Für mich ist das eher ein Luxusproblem unserer wohlgenährten Gesellschaft, auch wenn man kein Tier der Welt quälen sollte. Darauf sollten alle auf freiwilliger Basis verzichten. Eine Schande, dass dafür eine Partei vonnöten ist. Zudem bin ich halbherziger Peske-irgendwas-tarier. Na so eine Art Vegetarier halt. Nur manchmal brauch ich halt doch etwas Fleisch. Und Fisch. Was verspricht die Frauenpartei eigentlich? Das sie mehr werden? Dies wäre toll.“ „Fleisch ist mein Gemüse. Und Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg. Von diesem Ökofraas werde ich einfach nicht satt. Oder schmecken die Viecher besser wenn man sie menschenwürdig hält und dann mit verbundenen Augen zur Schlachtbank führt?“ Wieder gibt der Muskelmann unverständliche Laute von sich. „Das ist aber kein Grund, diese Tierpartei oder wie die heißt nicht zu wählen.“ „Doch. Sie trifft nicht den Kern des Problems. Es ist Europawahl. Was wollen wir? Eine gemeinsame Währung haben wir so teilweise, ein einheitliches Wahlsystem noch nicht. Eine geeinte Stimme? Mit Nichten. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik? Was wollen wir? Wo soll unser europäischer Weg hinführen? Staatenbund oder Bundesstaat? Dagegen ist das Tierschutzproblem wirklich sekundär.“ „Also ich werde die Grünen wählen. Bin zwar kein Grüner, wähle die aber jedesmal. Die scheinen mir das kleinste Übel der wählbaren Parteien zu sein.“ „Gibt es denn auch unwählbare Fraktionen?“ „Na klar, diese Ein-Programmpunkt-Gruppierungen zum Beispiel. Die müssten schon zu allen entscheidenden Problemen Stellung beziehen, um eine Alternative zu sein. Würden sie regieren, müssten sie sich schließlich auch mit allen Fragestellungen auseinandersetzen“, bemerkt der Bundeswehrboy. „Sind die Grünen nicht ein Musterbeispiel für eine Partei, die es geschafft hat, mit einem einzigen, oder von mir aus auch zwei – allerdings sehr ähnlichen Themen –  erfolgreiche Wahlkämpfe, ja, schon fast Wahlschlachten, zu führen? Trifft man den Nerv der Zeit, kann das meiner Meinung nach durchaus funktionieren. Mit einer beachtlichen Anzahl an Wählerstimmen im Gepäck kann man auch von der harten Oppositionsbank aus Politik machen.“ Leider schweigt sich der Volksmund darüber aus, was der Nerv der Zeit ist. Die Sonne verabschiedet sich allmählich draußen am Fenster und macht einem wunderschönen Abendrot Platz.


Friedensfreund: „Ich werde irgendwas Pro-europäisches wählen. Friede, Freude, Eierkuchen. Das zählt. Kinder. Kein Krieg mehr in Europa und weltweit, dann ist alles gut. Dann können alle glücklich sein. Nur dann können wirklich alle - die Betonung liegt auf alle – glücklich sein.“ „Was ist mit den dadurch arbeitslosen Soldaten?“ hält das Gothicgirl dagegen. „Und allen Wirtschaftszweigen, welche vom Wiederaufbau leben? Dieser findet nun mal nach Kriegen statt. Die gesamte Wirtschaft profitiert davon, dass weiß doch jedes Kind. Katastrophen kurbeln das Wachstum an. Kein Aufschwung ohne vorherige Krisenzeit. Und vorher werden Waffen hergestellt und zig Tausende verdienen dabei ihr tägliches Brot. Was ist damit?“ „Die werden schon eine Alternative finden. Warum muss denn immer alles wachsen? Fetter werden? Hauptsache Frieden.“ „Wie du meinst. Eines ist klar: Etwas Religiöses wähle ich nicht. Höchstens etwas was dagegen ist. Diese ganzen verschiedenen Glaubensrichtungen wurden doch von Anarchisten, Wichtigtuern und kommunikativ begabten Idioten ins Leben gerufen. Jeder hat sich was ausgedacht und Nietzsche hat mal gesagt, dass keiner so verrückt ist, als das er nicht jemanden findet, der noch verrückter ist. So oder so ähnlich. Und siehe da: Diese Gruppengründer schaffen es, dass ihnen Menschen allen Ernstes folgen.“ „Das ist schon eine krasse Meinung und recht verletzend. Du kannst wählen, was du willst. Aber ich, dein Wirt, bin Christ. Und das sind viele. Selbst wenn ich selten – auch da bin ich nicht der Einzige – in die Kirche gehe.“ „Euer Fegefeuer war auch recht verletzend. Sorry, werter Wirt. Wollte dir nicht weh tun.“ „Wählen bringt doch eh nichts. Ohne Waffen kann man nichts ändern. Ist doch voll naiv, zu glauben, dass die abgegeben Stimmen tatsächlich nachgezählt werden. Wäre auch verdammt viel Arbeit. Nur abgegebene Schüsse zählen.“ Das Niveau verkriecht sich unter den Tisch und weint. „Ach Allroundanarchist, mit deinem Geschwätz erreichst du tatsächlich nichts. Das steht fest. Und diese Anarchisten-Vereinigungen, was irgendwie ein Widerspruch in sich ist, bringen doch nichts zustande. Nur nörgeln. Nur dagegen sein. Ziellos und Kopflos. Und abwartend. Und herzlos. Und zuweilen recht respektlos. Unbedeutend sein ist euer Los, glaube mir Kamerad.“ „Bist du nicht Panzergrenadier? Gibt es nicht dieses Lied in dem es heißt: ‚Warten und kämpfen ist nicht immer leicht,/ doch anders wird niemals ein Ziel erreicht‘?“ „Bin kein Grenadier, wo hast du das denn her? Was hast du denn da wieder aufgeschnappt? Und warum wirfst du das ausgerechnet jetzt hier auf den Tisch? Weißt du, was ich mir von dir und allgemein wünsche? Eine Lösung!“


Fortsetzung folgt.


© politecke

3 Kommentare 31.5.09 14:26, kommentieren

Die Fackel der Weisheit (22/2009)

Die Fackel der Weisheit (22/2009) Sonntag, 24. Mai 2009

Friedensfreund

Gothicgirl

Krückstockkrieger

Priester

Superstudent

Wirt

„Die Fackel der Weisheit – von Hand zu Hand, von Mensch zu Mensch, von Staat zu Staat wurde sie Generation für Generation weitergegeben, über Ländergrenzen, Hochgebirge, Weltmeere und Kontinente hinweg, seit abertausenden von Jahren. Und wir sind drauf und dran sie von heute auf morgen einfach zu löschen. Trotz unseres technischen Know-Hows, trotz unserer internationalen Beziehungen, Verflechtungen und Vereinbarungen, trotz weitgehender Verwirklichung globalisierten Gedankenguts. Olympisches Feuer, Hoffnungsfunken, die Lebenskerze der Weisheit, Friedens- und Freiheitsfackeln – sie alle haben das dunkle Mittelalter überlebt. Zumindest kleine Funken. Der katholischen Inquisition haben sie widerstanden und den Pfad der Weisheit in eine bessere Zukunft für uns Europäer ausgeleuchtet. Diese kleinen Funken haben ein neues Feuer entzündet, ein warmes Feuer, an dem sich alle Völker unter der Sonne wärmen könnten, wenn die Welt gerecht wäre. Ist sie aber nicht.“ Der Superstudent unterbricht den Friedensfreund: „Ist es denn nicht so in unserer Gesellschaft, dass man da sucht, wo Licht ist? Ich will euch eine Geschichte erzählen: Ein Betrunkener hat nachts beim Entleeren seiner Blase seine Brieftasche auf einer dunklen, unbeleuchteten Wiese verloren. Er geht zurück zur Straße und bemerkt seinen Verlust. Er sucht sein Portemonnaie.“ Der Wirt schmeißt eine Lokalrunde. „Ja und? Ist das ungewöhnlich? Mich langweilt die Story schon jetzt, komm zum Punkt, Junge.“ Nörgelt das Gothicgirl. „Jedenfalls kommen einige Menschen vorbei und beachten ihn nicht weiter. Als doch jemand stehen bleibt, wird der Betrunkene gefragt, was er hier unter der Straßenlaterne sucht. Er antwortet ihm, dass er beim pinkeln seine Brieftasche auf der Wiese verloren hat. Und das er dort nicht suchen will, weil es dort finster ist. ‚Hier ist Licht, also suche ich hier!‘ Er erntet ähnlich viel Unverständnis wie alle Wahrheitssuchenden in der Politik, wie all diese Skandalaufklärer. Die Suchen auch nur an der Oberfläche, im Licht, und bohren nicht tiefer. Manche haben halt nur unten, im Dunkeln Dreck am Stecken.“ „Sind die alle Betrunken?“ fragt der Krückstockkrieger abschließend.

„Wie viele Menschen wollten den Pfad der Weisheit schon beschreiten, haben sich dabei aber letztlich nur die Weisheitszähne daran ausgebissen?“ „Immer noch besser, als sich die grauen Haare von der Glatze zu reißen.“ „Hat nicht neulich jemand das Grundgesetz als ‚Leuchtfeuer der Weisheit‘ bezeichnet? In was für einer Zeit leben wir? Ist es das noch immer? Oder sind unsere Rechte nicht schon viel zu stark aufgeweicht, sind der Einfluss und die Souveränität des Volkes nicht schon stark verwässert? Durch Zensur und Verbote, gewalttätige Staatsgewalt, richterliche Ohnmacht und eine Biedermeiergesellschaft sondergleichen. Und was wollen wir wählen? Den Präsidenten dürfen wir sowie so nicht wählen. Schön. Bleibt die Europawahl. Das FBI tritt an.“ „Und die Piratenpartei.“ „Richtig, und und und. Mann oh Mann. Was sind denn das für Alternativen? Eine einheitliche Währung aber noch nicht einmal ein einheitliches Wahlsystem. Alle machen was sie wollen, keiner macht, was sie sollen, aber alle machen mit.“ „Und die Denker sitzen zu Hause und schmollen. Mir wird übel. Ich möchte nicht mehr diesen alten Brei umrühren. Jahr für Jahr, Wahl für Wahl, Amtsperiode für Amtsperiode dasselbe.“

Das Gothicgirl fühlt dem Priester auf den Zahn: „Hey Pfarrer, sag‘ mal, haben die Grünen dir etwa deinen Schein genommen? Also ich mein, ob die Bullen dir etwa deinen Führerschein genommen haben?“ „Naja, das war so: Beim Abendmahl machte Jesus schließlich Wasser zu Wein.“ „Glaubst du etwa an so einen Hokuspokus?“ „Ich weiß, dass es funktioniert. Ich hatte Wasser in den Kelch gegossen und dann hab ich gesagt“, „dann hast du gesagt, Jesus mach Wein draus und dir die Brühe in deine christliche Kehle gegossen, supi!“ „So in etwa. Jedenfalls wurde ich durch dieses Wasser fahruntüchtig.“

„Was ist eigentlich mit dir, werter Wirt? Du wirkst so geknickt?“ „Ach der ganze Stress, ich hätte mir den Job nie so zeitintensiv vorgestellt. Hätte ich doch nur etwas Richtiges gelernt.“ „Tja, wer nichts wird, wird Wirt. So einfach ist dies.“ „Ich arbeite um zu leben, nicht andersrum! Zumindest wünschte ich, dass es so wäre. Und, ja. Ich bin nachtragend, auch im positiven Sinne. Ich vergesse nicht nur nicht, wenn jemand etwas für mich Schlechtes tut, sondern erinnere mich auch immer daran, wenn mir jemand etwas Gutes getan hat.“ „Zurück zum Thema: Es heißt immer, wir Europäer wären reich aber in Wahrheit sind wir die ärmsten Säue, wenn ich mich so umsehe. Wir haben die Qual der Wahl bei so vielen Vorschlägen. Vorher. Und hinterher leiden wir an der Wahl unserer Qual. Die Intelligenz verreckt am Marterpfahl.“

Fortsetzung folgt.

© politecke

 

2 Kommentare 24.5.09 22:48, kommentieren

Die Uhr tickt (21/2009)

Die Uhr tickt (21/2009)

Sonntag, 17. Mai 2009

Bordellbesitzerin

Krückstockkrieger

Priester

Schauspielerin

Superstudent

Wirt

Die Uhr tickt langsam. Aus. „Lieber 5 vor 12, die eventuell etwas weniger gut aussehen als um 2 allein. Und wenn man die Wahl hat, sollte man sich möglichst für das Beste entscheiden.“ „Ich habe gewaltige patriotische Probleme mit diesem suboptimalen Schubladensystem in diesem, unserem schönen Staate. Warum darf ich nicht heute Dies und morgen Das wählen? Wozu eine politische Farbe fest im Herzen eingebrannt haben wenn keine Fraktion ohne Abstriche allzeit überzeugen kann? Unter dem Strich stimmen wir doch für beziehungsweise indirekt gegen Pakete, welche politische Parteien für uns schnüren,“ stellt der Superstudent fest, während der Wirt wohlwollend seinen gut gelaunten Gästen, besonders der Bordellbesitzerin und dem Priester zuhört, und sein siebtes Bockbier an diesem tristen Tag aufmacht, was für seine Verhältnisse nicht ungewöhnlich ist und regelmäßig dazu führt, dass er bei Besuchern, die sein Lokal zum ersten mal betreten, wie ein Quadrat in einem Kreis regelrecht aneckt. Seine albernen Attitüden entschärfen derartige seltsam absurde Situationen auch nicht und manch Moralist hat sich bereits erschreckt. „Das ist allemal besser, als wenn Einzelne die Richtung vorgeben – aber noch lange keine Demokratie im Sinne von Volksherrschaft. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir herrschen, sondern dass wir beherrscht werden. Und das will und kann ich nicht goutieren.“ Dem Portrait kullert eine Träne über das Gesicht, über die Späne am Rahmen zu Boden.

Urplötzlich kommt der Krückstockkrieger mit der Schauspielerin vom Rauchspaziergang im Freien zurück. Früher als der Priester protestantischer Konfession damit gerechnet hatte. Schließlich appellierte er in deren Abwesenheit an Moral und Tugend und wetterte gegen die schamlose Bordellbesitzerin welche zudem einen Buchverlag betreibt bei dem insbesondere Prostituierte ihre Werke publizieren. Diese hätten besonders viel Zeit für ihr literarisches Schaffen zwischen dem Gestöhne der Kunden, die der Geistliche als schwarze Schafe und Opfer ansieht. Opfer der eigenen Triebe und Verführungskünste der schönen Schwalben. Schall und Rauch. Er steht nun einer zu großen Opposition gegenüber. „Aus dem Verwässern der Grenzen, den unklaren Linien und den riesigen Differenzen zwischen dem, was dem Wähler vor der Wahl versprochen und an Personen ins Amt bestellt wird und dem, was er hinterher geliefert bekommt, womit er sich mangels Alternativen abfinden muss, denn Demos, Petitionen und so sind nicht sonderlich zielführend fürchte ich, folgt doch fast zwangsläufig, dass nach Alternativen gesucht wird. Und wer suchet der findet, wie wir wissen.“ „Hey Superstudent. Luft holen.“

„Diese Jugend ohne Gott, diese gottlose Gesellschaft, die damit eine zukünftig noch viel gottlosere schafft, kann gar nicht die in sie gesetzten hohen Erwartungen erfüllen. Wie sollen so wenig Schultern derartige Lasten tragen? Die Flucht ins Rotlicht wird offensichtlich zur Flucht in die Freiheit, zeitlich beschränkt und komplett überwacht, versteht sich, aber eben gefühlt frei, und zum Ende der Moral, welche dorthin auf der Strecke bleibt, während das Gewissen zu Hause bei Frau und Kind verweilt,“ philosophiert der Priester. „Halt deine christliche Klappe oder es kommt hier bald zu physischer Gewalt!“ erklärt der Krückstockkrieger. „Dann schlägt es 13!“ Im Fernsehen laufen gerade die Mainzelmännchen welche im Grunde gehen. Heute allerdings in der Schiffschaukel brunsblöde Sachen von sich geben.

„Diese schlampige Schauspielerin – die macht so viele halbe Sachen, steckt in so vielen Projekten und Pseudogeschichten mit drin und hat so viele Männer – die wäre garantiert eine tolle Frau für mich. Von ihr könnte ich lernen. Und darum geht es doch im Leben, oder? Politik ist ja nicht alles und ihr quatscht anscheinend lieber über andere Themen.“ „Jetzt komm mal runter, Superstudent. Entspanne dich, alter Besserwisserboy.“ „Was labert ihr uns hier eigentlich zu? Auf einem Ohr dein Gelall‘, am anderen des Priesters Gebell‘ und Geschrei – deine religiös–politisch–gesellschaftlich–moralisch mehr oder minder seriösen Ansichten sind einfach nicht salonfähig – was ist nur los? Vielleicht sollte ich mich dagegen wehren?“ spricht der Wirt. „Geht es etwa auf Vollmond zu, oder was? Einerseits die Beiden, andererseits unser Wirt. Unser Wehrwirt. Oh Mann. Nicht dass er noch mutiert. Nicht dass er noch zum Werwolf wird. Sozusagen zum Werwolf–Wirt.“ „Das ist mir alles egal – ich hoffe, schlicht und ergreifend, auf Gegenliebe zu stoßen. Es kommt die Nacht und ich will nicht allein sein. So. Außerdem lässt es sich im Dunkeln gut munkeln. Viel Spaß dabei. Ich geh, kommst du mit?“ „Na klar, Süßer.“ Die Lichter drohen allmählich auszugehen. Die Sonnenuhr verliert ihren Sinn, muss im Schatten stehen. Unbemerkt erlischt die Fackel der Weisheit.

Fortsetzung folgt.

© politecke

 

1 Kommentar 17.5.09 22:12, kommentieren

Speis und Trank (20/2009)

Speis und Trank (20/2009)

Mittwoch, 13. Mai 2009

Bordellbesitzerin

Friedensfreund

Krückstockkrieger

Schauspielerin

Vereinsvertreter

Wirt

Speis und Trank stehen auf dem Tisch. Die Diskussionswütigen und Streitsüchtigen sitzen um ihn rum auf einem Sofa in den Nationalfarben. Dahinter hängt ein Bild. Ein Portrait. „Natürlich ist Humor demokratisch. Zwar individuell aber doch volksnah, jeder hat einen Sinn für Humor. Unabhängig von Intellekt und persönlichem Background“ meint die Bordellbesitzerin während der Krückstockkrieger wiederholt verbal auf den Friedensfreund einprügelt: „Du verkennst den Ernst der Lage. Topterroristen tyrannisieren unsere Gesellschaft und unsere Mitbürger in fernen Wüsten. Staatsbürger in Uniform riskieren tagtäglich Kopf und Kragen für die Freiheit, welche du konsumierst während du alles schlechtdebattierst und eine neue Frontlinie in der Heimat heraufbeschwörst die niemanden nutzt. Du scheinst nicht zu erkennen was auf dem Spiel steht. Freiheit kostet eben manchmal Blut und die ständige Bereitschaft, diesen Preis zu zahlen. Ähnlich ist es mit der Liebe.“

Der Wirt prostet in Feuer und Flamme für seine Lieblingsnutte stehend dem Bild zu. „Liebe kostet bei uns 50 € pro Viertelstunde“ wirft die Bordellbesitzerin ein und lässt sich vom Friedensfürst Feuer für ihre Zigarette geben. Doch der Vereinsvertreter ist schneller. Dieser versteht noch immer nicht, weshalb das Radio Bad-Banks lobt. „Wenn wir einen Kredit wollen bekommen wir den eh nicht. Und den Zaster zahlen am Ende eh wir. Wir Steuerzahler. Ich. Und ich will nicht. Punkt!“ Der Wirt widerspricht: „Wenn keine Kohle da ist, nur faule Fakten bestehend aus roten Zahlen in tristen Bilanzen, oder andersherum, kann auch kein Kredit vergeben werden. Nur zahlen will ich dafür auch nicht. Sollen die zahlen, die Schuld sind. Das wäre doch fair, oder? Für Freiheit will ich auch nicht zahlen, wozu? Bin eh nicht wirklich frei. Abermillionen an Steuergeldern in ein Pulverfass ohne Boden pumpen um unsere Republik trotzdem mal wieder in Schutt und Asche zu sehen?“

„Schuld ist die Gier. Die Gier ist Schuld. Meine Meinung. Sie ist der stärkste Antrieb für Menschen. Alle wollen Profit und das führt dann eben zu einer Form des Kapitalismus, die den Schwachen die Kehle zuschnürt und die letzten Knöpfe aus der Tasche zieht. Das Geschäft läuft auch nicht mehr so recht. Verdammt. Die Freier bleiben zuhause und die Damen haben nichts zu tun.“ „Sind die Damen gesund? Vielleicht haben die Schweine Angst vor der Grippe?“ fragt der Wirt. „Vor allem die günstigeren Anbieterinnen gehen zurzeit oft leer aus. Ohne Verdienst heim. Zu oft. Fuck! Die Männer trauen sich aus Sorge, dass das Geld nicht für deren Frauen ausreiche, nicht mehr, das Geld im Etablissement auszugeben. Ihr Geld, wie sie denken. Und Frauen haben keine Arbeit mehr um in ebendiesen Lokalen Kröten zu verdienen welches sie deren nichts merkenden Männern in die Tasche stecken. So würde es nämlich ablaufen, wenn es normal wäre. Aber es ist momentan nicht normal. Nichts ist momentan normal.“ „Wie wäre es mit ‘nem Stockwerk in denen die Männer jobben und die Frauen genießen? Dann sollte das Geschäft doch brummen, die Wirtschaft boomen und die Blüten sprießen.“ „Du meinst wie in diesem Buch, diesem…“ „Das von dieser Skandalautorin?“ „Nein, von ‘nem Autor. Fabian. Aus der Weimarer Zeit. Meiner Zeit.“

Just in diesem Moment verschüttet die Schauspielerin vom Friedensfreund mehr oder minder recht absichtlich gestoßen ihr Glas Rotwein über die alte Kriegskarte des alten Rentners mit dem Krückstock der damit die Gesellschaft des heutigen Abends beeindrucken wollte. Beeindrucken konnte er niemanden. Der Friedensfürst reißt eine Ecke von ihr ab um seine Handynummer darauf für die Schauspielerin niederzuschreiben, was den Krieger von damals erzürnt. Erbost springt er auf. Wie von einer Tarantel gestochen. Der Vereinsvertreter verdreht die Augen: „Euer Techtelmechtel, euer ganzes Gehabe und Getue ist ja sowas von daneben. Echt. Mann!“

Der Friedensfreund findet unter dem Tisch einen guten Platz für einen spontanen Schlaf. Flirtend schläft er glücklich ein. Die Bordellbesitzerin blickt auf und das Portrait starrt entsetzt auf die Spieß- und Spaßgesellschaft herab. Die Sonne versteckt sich hinter einer Wolke und der Wirt wirft alle Speisen weg. Das Radio lobt noch einmal die Bad-Banks und der Krückstockkrieger kriegt sich allmählich wieder ein während der Vereinsvertreter am liebsten mit der Bordellbesitzerin durchbrennen würde. In seinem Kopfkino läuft seine persönliche Bonnie und Clyde Version ab, weswegen er gar nicht mitbekommt, dass die Bordellbesitzerin mit ihm spricht was sie mit durch und durch demokratischen Humor zur Kenntnis nimmt und ihn für den Rest der so genannten Diskussion einfach ignoriert.

„Kommt nächste Woche eigentlich dieser Priester?“ „Katholik oder Protestant?“ erkundigen sich die beiden Frauen gleichzeitig. „Katholik“, sagt der Eine, „Protestant“ zeitgleich der Andere während die Frauen ihnen ins Wort fallen: „Ein echter Mann also. Außerdem kommt doch der Superstudent.“ „Und dann klären wir endlich, ob du nur Bordellbesitzerin oder auch Bordellbetreiberin bist.“ „Ist das nicht dasselbe?“ „Nein, ganz und gar nicht. Und überhaupt. Was willst du denn ständig mit diesem Superstudenten, diesem Besserwisserboy?“ „Von.“

Die Uhr tickt langsam.

Fortsetzung folgt.

© politecke.myblog.de

1 Kommentar 13.5.09 20:26, kommentieren