Speis und Trank (20/2009)

Speis und Trank (20/2009)

Mittwoch, 13. Mai 2009

Bordellbesitzerin

Friedensfreund

Krückstockkrieger

Schauspielerin

Vereinsvertreter

Wirt

Speis und Trank stehen auf dem Tisch. Die Diskussionswütigen und Streitsüchtigen sitzen um ihn rum auf einem Sofa in den Nationalfarben. Dahinter hängt ein Bild. Ein Portrait. „Natürlich ist Humor demokratisch. Zwar individuell aber doch volksnah, jeder hat einen Sinn für Humor. Unabhängig von Intellekt und persönlichem Background“ meint die Bordellbesitzerin während der Krückstockkrieger wiederholt verbal auf den Friedensfreund einprügelt: „Du verkennst den Ernst der Lage. Topterroristen tyrannisieren unsere Gesellschaft und unsere Mitbürger in fernen Wüsten. Staatsbürger in Uniform riskieren tagtäglich Kopf und Kragen für die Freiheit, welche du konsumierst während du alles schlechtdebattierst und eine neue Frontlinie in der Heimat heraufbeschwörst die niemanden nutzt. Du scheinst nicht zu erkennen was auf dem Spiel steht. Freiheit kostet eben manchmal Blut und die ständige Bereitschaft, diesen Preis zu zahlen. Ähnlich ist es mit der Liebe.“

Der Wirt prostet in Feuer und Flamme für seine Lieblingsnutte stehend dem Bild zu. „Liebe kostet bei uns 50 € pro Viertelstunde“ wirft die Bordellbesitzerin ein und lässt sich vom Friedensfürst Feuer für ihre Zigarette geben. Doch der Vereinsvertreter ist schneller. Dieser versteht noch immer nicht, weshalb das Radio Bad-Banks lobt. „Wenn wir einen Kredit wollen bekommen wir den eh nicht. Und den Zaster zahlen am Ende eh wir. Wir Steuerzahler. Ich. Und ich will nicht. Punkt!“ Der Wirt widerspricht: „Wenn keine Kohle da ist, nur faule Fakten bestehend aus roten Zahlen in tristen Bilanzen, oder andersherum, kann auch kein Kredit vergeben werden. Nur zahlen will ich dafür auch nicht. Sollen die zahlen, die Schuld sind. Das wäre doch fair, oder? Für Freiheit will ich auch nicht zahlen, wozu? Bin eh nicht wirklich frei. Abermillionen an Steuergeldern in ein Pulverfass ohne Boden pumpen um unsere Republik trotzdem mal wieder in Schutt und Asche zu sehen?“

„Schuld ist die Gier. Die Gier ist Schuld. Meine Meinung. Sie ist der stärkste Antrieb für Menschen. Alle wollen Profit und das führt dann eben zu einer Form des Kapitalismus, die den Schwachen die Kehle zuschnürt und die letzten Knöpfe aus der Tasche zieht. Das Geschäft läuft auch nicht mehr so recht. Verdammt. Die Freier bleiben zuhause und die Damen haben nichts zu tun.“ „Sind die Damen gesund? Vielleicht haben die Schweine Angst vor der Grippe?“ fragt der Wirt. „Vor allem die günstigeren Anbieterinnen gehen zurzeit oft leer aus. Ohne Verdienst heim. Zu oft. Fuck! Die Männer trauen sich aus Sorge, dass das Geld nicht für deren Frauen ausreiche, nicht mehr, das Geld im Etablissement auszugeben. Ihr Geld, wie sie denken. Und Frauen haben keine Arbeit mehr um in ebendiesen Lokalen Kröten zu verdienen welches sie deren nichts merkenden Männern in die Tasche stecken. So würde es nämlich ablaufen, wenn es normal wäre. Aber es ist momentan nicht normal. Nichts ist momentan normal.“ „Wie wäre es mit ‘nem Stockwerk in denen die Männer jobben und die Frauen genießen? Dann sollte das Geschäft doch brummen, die Wirtschaft boomen und die Blüten sprießen.“ „Du meinst wie in diesem Buch, diesem…“ „Das von dieser Skandalautorin?“ „Nein, von ‘nem Autor. Fabian. Aus der Weimarer Zeit. Meiner Zeit.“

Just in diesem Moment verschüttet die Schauspielerin vom Friedensfreund mehr oder minder recht absichtlich gestoßen ihr Glas Rotwein über die alte Kriegskarte des alten Rentners mit dem Krückstock der damit die Gesellschaft des heutigen Abends beeindrucken wollte. Beeindrucken konnte er niemanden. Der Friedensfürst reißt eine Ecke von ihr ab um seine Handynummer darauf für die Schauspielerin niederzuschreiben, was den Krieger von damals erzürnt. Erbost springt er auf. Wie von einer Tarantel gestochen. Der Vereinsvertreter verdreht die Augen: „Euer Techtelmechtel, euer ganzes Gehabe und Getue ist ja sowas von daneben. Echt. Mann!“

Der Friedensfreund findet unter dem Tisch einen guten Platz für einen spontanen Schlaf. Flirtend schläft er glücklich ein. Die Bordellbesitzerin blickt auf und das Portrait starrt entsetzt auf die Spieß- und Spaßgesellschaft herab. Die Sonne versteckt sich hinter einer Wolke und der Wirt wirft alle Speisen weg. Das Radio lobt noch einmal die Bad-Banks und der Krückstockkrieger kriegt sich allmählich wieder ein während der Vereinsvertreter am liebsten mit der Bordellbesitzerin durchbrennen würde. In seinem Kopfkino läuft seine persönliche Bonnie und Clyde Version ab, weswegen er gar nicht mitbekommt, dass die Bordellbesitzerin mit ihm spricht was sie mit durch und durch demokratischen Humor zur Kenntnis nimmt und ihn für den Rest der so genannten Diskussion einfach ignoriert.

„Kommt nächste Woche eigentlich dieser Priester?“ „Katholik oder Protestant?“ erkundigen sich die beiden Frauen gleichzeitig. „Katholik“, sagt der Eine, „Protestant“ zeitgleich der Andere während die Frauen ihnen ins Wort fallen: „Ein echter Mann also. Außerdem kommt doch der Superstudent.“ „Und dann klären wir endlich, ob du nur Bordellbesitzerin oder auch Bordellbetreiberin bist.“ „Ist das nicht dasselbe?“ „Nein, ganz und gar nicht. Und überhaupt. Was willst du denn ständig mit diesem Superstudenten, diesem Besserwisserboy?“ „Von.“

Die Uhr tickt langsam.

Fortsetzung folgt.

© politecke.myblog.de

13.5.09 20:26

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