Die Uhr tickt (21/2009)

Die Uhr tickt (21/2009)

Sonntag, 17. Mai 2009

Bordellbesitzerin

Krückstockkrieger

Priester

Schauspielerin

Superstudent

Wirt

Die Uhr tickt langsam. Aus. „Lieber 5 vor 12, die eventuell etwas weniger gut aussehen als um 2 allein. Und wenn man die Wahl hat, sollte man sich möglichst für das Beste entscheiden.“ „Ich habe gewaltige patriotische Probleme mit diesem suboptimalen Schubladensystem in diesem, unserem schönen Staate. Warum darf ich nicht heute Dies und morgen Das wählen? Wozu eine politische Farbe fest im Herzen eingebrannt haben wenn keine Fraktion ohne Abstriche allzeit überzeugen kann? Unter dem Strich stimmen wir doch für beziehungsweise indirekt gegen Pakete, welche politische Parteien für uns schnüren,“ stellt der Superstudent fest, während der Wirt wohlwollend seinen gut gelaunten Gästen, besonders der Bordellbesitzerin und dem Priester zuhört, und sein siebtes Bockbier an diesem tristen Tag aufmacht, was für seine Verhältnisse nicht ungewöhnlich ist und regelmäßig dazu führt, dass er bei Besuchern, die sein Lokal zum ersten mal betreten, wie ein Quadrat in einem Kreis regelrecht aneckt. Seine albernen Attitüden entschärfen derartige seltsam absurde Situationen auch nicht und manch Moralist hat sich bereits erschreckt. „Das ist allemal besser, als wenn Einzelne die Richtung vorgeben – aber noch lange keine Demokratie im Sinne von Volksherrschaft. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir herrschen, sondern dass wir beherrscht werden. Und das will und kann ich nicht goutieren.“ Dem Portrait kullert eine Träne über das Gesicht, über die Späne am Rahmen zu Boden.

Urplötzlich kommt der Krückstockkrieger mit der Schauspielerin vom Rauchspaziergang im Freien zurück. Früher als der Priester protestantischer Konfession damit gerechnet hatte. Schließlich appellierte er in deren Abwesenheit an Moral und Tugend und wetterte gegen die schamlose Bordellbesitzerin welche zudem einen Buchverlag betreibt bei dem insbesondere Prostituierte ihre Werke publizieren. Diese hätten besonders viel Zeit für ihr literarisches Schaffen zwischen dem Gestöhne der Kunden, die der Geistliche als schwarze Schafe und Opfer ansieht. Opfer der eigenen Triebe und Verführungskünste der schönen Schwalben. Schall und Rauch. Er steht nun einer zu großen Opposition gegenüber. „Aus dem Verwässern der Grenzen, den unklaren Linien und den riesigen Differenzen zwischen dem, was dem Wähler vor der Wahl versprochen und an Personen ins Amt bestellt wird und dem, was er hinterher geliefert bekommt, womit er sich mangels Alternativen abfinden muss, denn Demos, Petitionen und so sind nicht sonderlich zielführend fürchte ich, folgt doch fast zwangsläufig, dass nach Alternativen gesucht wird. Und wer suchet der findet, wie wir wissen.“ „Hey Superstudent. Luft holen.“

„Diese Jugend ohne Gott, diese gottlose Gesellschaft, die damit eine zukünftig noch viel gottlosere schafft, kann gar nicht die in sie gesetzten hohen Erwartungen erfüllen. Wie sollen so wenig Schultern derartige Lasten tragen? Die Flucht ins Rotlicht wird offensichtlich zur Flucht in die Freiheit, zeitlich beschränkt und komplett überwacht, versteht sich, aber eben gefühlt frei, und zum Ende der Moral, welche dorthin auf der Strecke bleibt, während das Gewissen zu Hause bei Frau und Kind verweilt,“ philosophiert der Priester. „Halt deine christliche Klappe oder es kommt hier bald zu physischer Gewalt!“ erklärt der Krückstockkrieger. „Dann schlägt es 13!“ Im Fernsehen laufen gerade die Mainzelmännchen welche im Grunde gehen. Heute allerdings in der Schiffschaukel brunsblöde Sachen von sich geben.

„Diese schlampige Schauspielerin – die macht so viele halbe Sachen, steckt in so vielen Projekten und Pseudogeschichten mit drin und hat so viele Männer – die wäre garantiert eine tolle Frau für mich. Von ihr könnte ich lernen. Und darum geht es doch im Leben, oder? Politik ist ja nicht alles und ihr quatscht anscheinend lieber über andere Themen.“ „Jetzt komm mal runter, Superstudent. Entspanne dich, alter Besserwisserboy.“ „Was labert ihr uns hier eigentlich zu? Auf einem Ohr dein Gelall‘, am anderen des Priesters Gebell‘ und Geschrei – deine religiös–politisch–gesellschaftlich–moralisch mehr oder minder seriösen Ansichten sind einfach nicht salonfähig – was ist nur los? Vielleicht sollte ich mich dagegen wehren?“ spricht der Wirt. „Geht es etwa auf Vollmond zu, oder was? Einerseits die Beiden, andererseits unser Wirt. Unser Wehrwirt. Oh Mann. Nicht dass er noch mutiert. Nicht dass er noch zum Werwolf wird. Sozusagen zum Werwolf–Wirt.“ „Das ist mir alles egal – ich hoffe, schlicht und ergreifend, auf Gegenliebe zu stoßen. Es kommt die Nacht und ich will nicht allein sein. So. Außerdem lässt es sich im Dunkeln gut munkeln. Viel Spaß dabei. Ich geh, kommst du mit?“ „Na klar, Süßer.“ Die Lichter drohen allmählich auszugehen. Die Sonnenuhr verliert ihren Sinn, muss im Schatten stehen. Unbemerkt erlischt die Fackel der Weisheit.

Fortsetzung folgt.

© politecke

 

17.5.09 22:12

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