Die Fackel der Weisheit (22/2009)

Die Fackel der Weisheit (22/2009) Sonntag, 24. Mai 2009

Friedensfreund

Gothicgirl

Krückstockkrieger

Priester

Superstudent

Wirt

„Die Fackel der Weisheit – von Hand zu Hand, von Mensch zu Mensch, von Staat zu Staat wurde sie Generation für Generation weitergegeben, über Ländergrenzen, Hochgebirge, Weltmeere und Kontinente hinweg, seit abertausenden von Jahren. Und wir sind drauf und dran sie von heute auf morgen einfach zu löschen. Trotz unseres technischen Know-Hows, trotz unserer internationalen Beziehungen, Verflechtungen und Vereinbarungen, trotz weitgehender Verwirklichung globalisierten Gedankenguts. Olympisches Feuer, Hoffnungsfunken, die Lebenskerze der Weisheit, Friedens- und Freiheitsfackeln – sie alle haben das dunkle Mittelalter überlebt. Zumindest kleine Funken. Der katholischen Inquisition haben sie widerstanden und den Pfad der Weisheit in eine bessere Zukunft für uns Europäer ausgeleuchtet. Diese kleinen Funken haben ein neues Feuer entzündet, ein warmes Feuer, an dem sich alle Völker unter der Sonne wärmen könnten, wenn die Welt gerecht wäre. Ist sie aber nicht.“ Der Superstudent unterbricht den Friedensfreund: „Ist es denn nicht so in unserer Gesellschaft, dass man da sucht, wo Licht ist? Ich will euch eine Geschichte erzählen: Ein Betrunkener hat nachts beim Entleeren seiner Blase seine Brieftasche auf einer dunklen, unbeleuchteten Wiese verloren. Er geht zurück zur Straße und bemerkt seinen Verlust. Er sucht sein Portemonnaie.“ Der Wirt schmeißt eine Lokalrunde. „Ja und? Ist das ungewöhnlich? Mich langweilt die Story schon jetzt, komm zum Punkt, Junge.“ Nörgelt das Gothicgirl. „Jedenfalls kommen einige Menschen vorbei und beachten ihn nicht weiter. Als doch jemand stehen bleibt, wird der Betrunkene gefragt, was er hier unter der Straßenlaterne sucht. Er antwortet ihm, dass er beim pinkeln seine Brieftasche auf der Wiese verloren hat. Und das er dort nicht suchen will, weil es dort finster ist. ‚Hier ist Licht, also suche ich hier!‘ Er erntet ähnlich viel Unverständnis wie alle Wahrheitssuchenden in der Politik, wie all diese Skandalaufklärer. Die Suchen auch nur an der Oberfläche, im Licht, und bohren nicht tiefer. Manche haben halt nur unten, im Dunkeln Dreck am Stecken.“ „Sind die alle Betrunken?“ fragt der Krückstockkrieger abschließend.

„Wie viele Menschen wollten den Pfad der Weisheit schon beschreiten, haben sich dabei aber letztlich nur die Weisheitszähne daran ausgebissen?“ „Immer noch besser, als sich die grauen Haare von der Glatze zu reißen.“ „Hat nicht neulich jemand das Grundgesetz als ‚Leuchtfeuer der Weisheit‘ bezeichnet? In was für einer Zeit leben wir? Ist es das noch immer? Oder sind unsere Rechte nicht schon viel zu stark aufgeweicht, sind der Einfluss und die Souveränität des Volkes nicht schon stark verwässert? Durch Zensur und Verbote, gewalttätige Staatsgewalt, richterliche Ohnmacht und eine Biedermeiergesellschaft sondergleichen. Und was wollen wir wählen? Den Präsidenten dürfen wir sowie so nicht wählen. Schön. Bleibt die Europawahl. Das FBI tritt an.“ „Und die Piratenpartei.“ „Richtig, und und und. Mann oh Mann. Was sind denn das für Alternativen? Eine einheitliche Währung aber noch nicht einmal ein einheitliches Wahlsystem. Alle machen was sie wollen, keiner macht, was sie sollen, aber alle machen mit.“ „Und die Denker sitzen zu Hause und schmollen. Mir wird übel. Ich möchte nicht mehr diesen alten Brei umrühren. Jahr für Jahr, Wahl für Wahl, Amtsperiode für Amtsperiode dasselbe.“

Das Gothicgirl fühlt dem Priester auf den Zahn: „Hey Pfarrer, sag‘ mal, haben die Grünen dir etwa deinen Schein genommen? Also ich mein, ob die Bullen dir etwa deinen Führerschein genommen haben?“ „Naja, das war so: Beim Abendmahl machte Jesus schließlich Wasser zu Wein.“ „Glaubst du etwa an so einen Hokuspokus?“ „Ich weiß, dass es funktioniert. Ich hatte Wasser in den Kelch gegossen und dann hab ich gesagt“, „dann hast du gesagt, Jesus mach Wein draus und dir die Brühe in deine christliche Kehle gegossen, supi!“ „So in etwa. Jedenfalls wurde ich durch dieses Wasser fahruntüchtig.“

„Was ist eigentlich mit dir, werter Wirt? Du wirkst so geknickt?“ „Ach der ganze Stress, ich hätte mir den Job nie so zeitintensiv vorgestellt. Hätte ich doch nur etwas Richtiges gelernt.“ „Tja, wer nichts wird, wird Wirt. So einfach ist dies.“ „Ich arbeite um zu leben, nicht andersrum! Zumindest wünschte ich, dass es so wäre. Und, ja. Ich bin nachtragend, auch im positiven Sinne. Ich vergesse nicht nur nicht, wenn jemand etwas für mich Schlechtes tut, sondern erinnere mich auch immer daran, wenn mir jemand etwas Gutes getan hat.“ „Zurück zum Thema: Es heißt immer, wir Europäer wären reich aber in Wahrheit sind wir die ärmsten Säue, wenn ich mich so umsehe. Wir haben die Qual der Wahl bei so vielen Vorschlägen. Vorher. Und hinterher leiden wir an der Wahl unserer Qual. Die Intelligenz verreckt am Marterpfahl.“

Fortsetzung folgt.

© politecke

 

24.5.09 22:48

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Angie / Website (26.5.09 16:40)
Sehr gut geschrieben. Ich glaube, so könnte man Jugendlichen die Politik sehr gut näher bringen!
Oh je Europawahl, ich bin schon am suchen, nach den Programmen. Da stehen so viele auf der LIste. *grübel* Ich hoffe ich treffe die richtige Wahl!
LG
Angie

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