Am Marterpfahl (23/2009)

Am Marterpfahl (23/2009)
 

Sonntag, 31. Mai 2009
Allroundanarchist
Bundeswehrboy
Friedensfreund
Gothicgirl
Muskelmann
Wirt


„Am Marterpfahl endete schon so mancher Querdenker.“ Rezitiert der Wirt und serviert eine neue Runde. Er schenkt seinen Gästen reinen Wein ein. Bei diesem Gedanken verzieht das Bild seine Nase. „Na hoffentlich bekommt mir dein Wein besser, das Bier schmeckte schal“, stänkert der Bundeswehrboy. Während der Friedensfreund unterdessen mit dem ganz klischeemäßig  in  schwarz gekleideten Gothicgirl flirtet spricht der Allroundanarchist: „Deine Weisheiten kümmern mich nicht. Ist der Denker schlau genug, kann er derartige Probleme allzeit umschiffen. Und allzu viel denken bringt ohnehin nichts. Fühlen liefert viel wertvollere Ergebnisse. Zudem kann man das, was so viele als ‚denken‘ bezeichnen kaum als solches deklarieren.“ Muskelmann möchte auch mitreden, kann aber nur noch lallen. Ihn versteht keiner. Gothicgirl: „Was? Ich hab zwar kein Wort verstanden, aber ich sag mal so: Ist schon bezeichnend, dass du dich ausgerechnet bei diesem Thema einmischen willst. In Fitnessstudios werden doch auch nur die Muskeln trainiert. Gehirne müssen draußen bleiben. Schätze mal, du wolltest darauf hinweisen, dass sich Muskelmasse gegen Intelligenz durchsetzt. Da muss ich dich gehörig enttäuschen.“


„Trotzdem: Weise Gedanken weisen wuchernde Unvernunft nicht in die Schranken. Was wollen wir jetzt also wählen? Rechts? Links?“ führt der Wirt die Diskussion zum Ausgangsthema zurück. „Diesen Piraten-Wahl-o-Maten, der zum Ändern klar machen will oder das beziehungsweise die FBI oder gar EDE – ob die was mit Stoiber am Hut haben? Die Violetten? Die kennt keiner. Welche Partei? Newropeans? Volksentscheide? Kommunisten? Sozialisten? BüSo? Oder eine Rentnerpartei? Da gibt’s ja fast mehr von als Rentner. Oder doch wieder den alten Brei? Jetzt erst mal ‚Prost‘, bevor ihr antwortet. Esst und trinkt so lange es euch schmeckt – schon zweimal ist das Geld verreckt!“


„Jede Entscheidung ist ein Massenmord an Möglichkeiten. Dieser Brei hat sich aber zumindest bewährt!“ bekundet der Bundeswehrboy seine anerkennende Ansicht. „Gläser hoch und stoßet an, auf das deutsche Vaterland!“ „AKWs oder Tempolimits – was ist eigentlich schlimmer? Tierschutz? Da gibt’s viel dringendere Themen. Für mich ist das eher ein Luxusproblem unserer wohlgenährten Gesellschaft, auch wenn man kein Tier der Welt quälen sollte. Darauf sollten alle auf freiwilliger Basis verzichten. Eine Schande, dass dafür eine Partei vonnöten ist. Zudem bin ich halbherziger Peske-irgendwas-tarier. Na so eine Art Vegetarier halt. Nur manchmal brauch ich halt doch etwas Fleisch. Und Fisch. Was verspricht die Frauenpartei eigentlich? Das sie mehr werden? Dies wäre toll.“ „Fleisch ist mein Gemüse. Und Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg. Von diesem Ökofraas werde ich einfach nicht satt. Oder schmecken die Viecher besser wenn man sie menschenwürdig hält und dann mit verbundenen Augen zur Schlachtbank führt?“ Wieder gibt der Muskelmann unverständliche Laute von sich. „Das ist aber kein Grund, diese Tierpartei oder wie die heißt nicht zu wählen.“ „Doch. Sie trifft nicht den Kern des Problems. Es ist Europawahl. Was wollen wir? Eine gemeinsame Währung haben wir so teilweise, ein einheitliches Wahlsystem noch nicht. Eine geeinte Stimme? Mit Nichten. Eine gemeinsame Verteidigungspolitik? Was wollen wir? Wo soll unser europäischer Weg hinführen? Staatenbund oder Bundesstaat? Dagegen ist das Tierschutzproblem wirklich sekundär.“ „Also ich werde die Grünen wählen. Bin zwar kein Grüner, wähle die aber jedesmal. Die scheinen mir das kleinste Übel der wählbaren Parteien zu sein.“ „Gibt es denn auch unwählbare Fraktionen?“ „Na klar, diese Ein-Programmpunkt-Gruppierungen zum Beispiel. Die müssten schon zu allen entscheidenden Problemen Stellung beziehen, um eine Alternative zu sein. Würden sie regieren, müssten sie sich schließlich auch mit allen Fragestellungen auseinandersetzen“, bemerkt der Bundeswehrboy. „Sind die Grünen nicht ein Musterbeispiel für eine Partei, die es geschafft hat, mit einem einzigen, oder von mir aus auch zwei – allerdings sehr ähnlichen Themen –  erfolgreiche Wahlkämpfe, ja, schon fast Wahlschlachten, zu führen? Trifft man den Nerv der Zeit, kann das meiner Meinung nach durchaus funktionieren. Mit einer beachtlichen Anzahl an Wählerstimmen im Gepäck kann man auch von der harten Oppositionsbank aus Politik machen.“ Leider schweigt sich der Volksmund darüber aus, was der Nerv der Zeit ist. Die Sonne verabschiedet sich allmählich draußen am Fenster und macht einem wunderschönen Abendrot Platz.


Friedensfreund: „Ich werde irgendwas Pro-europäisches wählen. Friede, Freude, Eierkuchen. Das zählt. Kinder. Kein Krieg mehr in Europa und weltweit, dann ist alles gut. Dann können alle glücklich sein. Nur dann können wirklich alle - die Betonung liegt auf alle – glücklich sein.“ „Was ist mit den dadurch arbeitslosen Soldaten?“ hält das Gothicgirl dagegen. „Und allen Wirtschaftszweigen, welche vom Wiederaufbau leben? Dieser findet nun mal nach Kriegen statt. Die gesamte Wirtschaft profitiert davon, dass weiß doch jedes Kind. Katastrophen kurbeln das Wachstum an. Kein Aufschwung ohne vorherige Krisenzeit. Und vorher werden Waffen hergestellt und zig Tausende verdienen dabei ihr tägliches Brot. Was ist damit?“ „Die werden schon eine Alternative finden. Warum muss denn immer alles wachsen? Fetter werden? Hauptsache Frieden.“ „Wie du meinst. Eines ist klar: Etwas Religiöses wähle ich nicht. Höchstens etwas was dagegen ist. Diese ganzen verschiedenen Glaubensrichtungen wurden doch von Anarchisten, Wichtigtuern und kommunikativ begabten Idioten ins Leben gerufen. Jeder hat sich was ausgedacht und Nietzsche hat mal gesagt, dass keiner so verrückt ist, als das er nicht jemanden findet, der noch verrückter ist. So oder so ähnlich. Und siehe da: Diese Gruppengründer schaffen es, dass ihnen Menschen allen Ernstes folgen.“ „Das ist schon eine krasse Meinung und recht verletzend. Du kannst wählen, was du willst. Aber ich, dein Wirt, bin Christ. Und das sind viele. Selbst wenn ich selten – auch da bin ich nicht der Einzige – in die Kirche gehe.“ „Euer Fegefeuer war auch recht verletzend. Sorry, werter Wirt. Wollte dir nicht weh tun.“ „Wählen bringt doch eh nichts. Ohne Waffen kann man nichts ändern. Ist doch voll naiv, zu glauben, dass die abgegeben Stimmen tatsächlich nachgezählt werden. Wäre auch verdammt viel Arbeit. Nur abgegebene Schüsse zählen.“ Das Niveau verkriecht sich unter den Tisch und weint. „Ach Allroundanarchist, mit deinem Geschwätz erreichst du tatsächlich nichts. Das steht fest. Und diese Anarchisten-Vereinigungen, was irgendwie ein Widerspruch in sich ist, bringen doch nichts zustande. Nur nörgeln. Nur dagegen sein. Ziellos und Kopflos. Und abwartend. Und herzlos. Und zuweilen recht respektlos. Unbedeutend sein ist euer Los, glaube mir Kamerad.“ „Bist du nicht Panzergrenadier? Gibt es nicht dieses Lied in dem es heißt: ‚Warten und kämpfen ist nicht immer leicht,/ doch anders wird niemals ein Ziel erreicht‘?“ „Bin kein Grenadier, wo hast du das denn her? Was hast du denn da wieder aufgeschnappt? Und warum wirfst du das ausgerechnet jetzt hier auf den Tisch? Weißt du, was ich mir von dir und allgemein wünsche? Eine Lösung!“


Fortsetzung folgt.


© politecke

31.5.09 14:26

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Angie / Website (5.6.09 01:12)
Hihihi, eine sehr gute Analyse! Wenn ich unseren Zettel sehe, und ich habe die ganzen Wahlprogramme noch nicht mal durch, weiß ich auch gar nichts mehr. Mit Wums finde ich ja auch lustig, aber deshalb wähle ich ja nicht.
LG
Angie


politecke (5.6.09 09:52)
Hi- danke für deinen lieben Comment - wo kommt denn die ganze grüne Werbung auf einmal her?

Kannst je 'nen Wahl-O-Maten-Test machen:
http://www2.wahlomat.zdf.de/europa09/
...da kommen manchmal wirklich lustige Sachen raus.

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