Eine Lösung (24/2009)

Eine Lösung (24/2009)

Sonntag, 07. Juni 2009
Bundeswehrboy
Gothicgirl
Maslowman
Sonderschüler
Sternenschwester
Wirt

„Eine Lösung mit hohem prozentualem Alkoholgehalt ist einer Lösung, mit deutlich geringerem Alkoholgehalt stets überlegen. Halbherzige Gesöffe kicken nicht. Und kein Alkohol ist auch keine Lösung, selbst wenn ein klarer Kopf die beste Droge sein sollte. Prost meine jungen Gäste!“ Der Wirt ist heute besonders stolz auf seinen schicken Anzug, mit dem er wählen war. Es ärgerte ihn sehr, dass er einen dicken Regenmantel gleich einer schützenden Rüstung darüber tragen musste. Gothicgirl: „Ich hab‘ auch an so einem Wahl-O-Maten-Test mitgemacht – und ausgerechnet die Partei Bibeltreuer Christen war recht weit vorne. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich glaub‘, dass ist wie mit den Piraten: Die gestalten ihre Wahlprogramme so, dass sie bei so etwas gut abschneiden. Haben aber kein klares Konzept. Keine politisch durchsetzbaren Vorstellungen, keine klare Linie. Und meine Stimme habe ich noch nicht abgegeben. Hoffentlich komme ich später noch dazu. Wenn nicht ist es nicht so wild, bei so vielen Wahlberechtigten wiegt meine Meinung ohnehin kaum etwas. Diese religiös motivierten Organisationen können jedenfalls lange und länger auf meine Zustimmung warten. Um sie betteln solange sie wollen. Auf ihren Knien flehen. Von mir aus ewig.“ „Tja, der Köder muss eben dem Fisch schmecken. Nicht dem Angler. Und von den Berechtigten geht ja nur ein Bruchteil zur élection europenne, das erhöht den Wert deines Kreuzchens“, erklärt der Bundeswehrboy. „Ach hör mir bloß mit französisch auf. Die nennen die Erde Mond!“ „Monde! Das wird anders ausgesprochen und heißt eigentlich Welt. Die Erde eigentlich terre“, sagt Sternenschwester. „Monde kann aber auch Erde heißen.“

„Aber gerade ihr Jugendlichen solltet dringend abstimmen“, mischt sich Maslowman ein, „denn es geht um eure Zukunft. Schön, dass ihr die Sprachen unserer Nachbarn lernt, denn dies ist für die internationale Integration von ganz entscheidender Bedeutung. Seid froh, dass die blutige Epoche in unserem europäischen Haus vorüber ist und ihr in Frieden leben und lieben könnt. Aber sägt nicht an den Säulen unseres Staatenbundes. Hängt nicht an der Vergangenheit. Blickt nach vorne. Wählt Zukunft, denn sie ist die Zeit, in der wir leben werden. Brecht die Zelte der Vergangenheit ab. Befriedigt die Grundbedürfnisse für alle Europäer. Löst das Milch- und Butterbergproblem. Als zweiten Schritt darüber hinausgehende Wünsche wie etwa das Sicherheitsbedürfnis. Organisiert und strukturiert eure Streitkräfte um. Gibt es nur noch ein europäisches Heer könnt ihr untereinander erst recht keine Kriege mehr führen.“ „Das hat den Nachteil, dass wir ganz und gar von den Bündnispartnern abhängig wären und damit unsere eigene Handlungsfreiheit eliminieren würden. Das kann zu existenziellen Notsituationen führen, in denen wir überhaupt nicht reagieren könnten. Das sehe ich sehr kritisch. Dem stehe ich äußerst ablehnend gegenüber, so sehr und so gern ich den europäischen Traum auch träume“, gibt Bundeswehrboy zu bedenken. „Wie dem auch sei. Erst danach macht es Sinn, soziale Problemstellungen in Angriff zu nehmen. Anschließend bietet sich die Möglichkeit, Luxusbedürfnisse, insbesondere materieller Natur zu befriedigen und flugs könnt ihr nach Selbstverwirklichung streben, damit etwas bleibt, von jedem Einzelnen etwas Persönliches.“ Das Bild runzelt Nase und Stirn. Sorgenfalten zieren seinen Anblick an diesem verregneten und bewölkten, europäischen und spannenden Nachmittag.

„Oh Mann“, spricht der Sonderschüler, „Maslow und seine Pyramide. Glaubt ihr, dass dieses Theoriegewichse Probleme löst?“ „Es stellt dafür zumindest eine Basis dar“, meint Maslowman. Sternenschwester bestellt sich noch einen Schnaps und beschließt spontan, eine Lokalrunde zu schmeißen. „Kluges Gerede, meinetwegen mit guter Absicht. Intention, wie ihr das nennen möget. Aber den Kern des Problems trefft ihr nicht und Egoismus, Blödsinn und Dummheit machen euch einen Strich durch die Rechnung. Zufall bringt eure schöne heile Welt zu Fall.“ „Na jedenfalls wäre ich um ein Haar fast so weit gewesen, die Europeans zu wählen. Dann tendierte ich zur ÖDP und bin letzten Endes bei den Grünen gelandet, aber das hatten wir ja schon mal“, bemerkt Bundeswehrboy. „Wenn du damit mal nicht auf der Fresse landest. Nimm es mir nicht übel, was weiß schon ein kleiner Sonderschüler“, stänkert der Jüngste am Tisch. „Seht in die Sterne, habt Visionen und macht immer das Beste daraus. Aus allem. Politik ist gar nicht wichtig und interessiert mich nicht. Gelbe Sterne. Blauer Himmel. Könnten wir mal eben das Thema wechseln?“ fragt die Sternenschwester. „Was gestern verrückt war ist heute normal. Was heute verrückt ist, wird morgen normal sein. Und die Denker denken, Politiker politisieren und Wasser läuft währenddessen den Fluss hinunter. Das ist doch alles Zeitverschwendung. Ihr lebt am Leben vorbei.“ „Wir versuchen eben zu gestalten, obwohl ich auch unpolitisch bin“, goutiert Gothicgirl, „aber an dem Ausfüllen des Wahlscheins breche ich mir nichts ab. Und ja, du hast prinzipiell Recht. Carpe diem. Lebe den Tag, nutze jeden Moment. ‚Solang du lebst bist du ein Sterbender‘, wissen nicht nur Düsseldorfs Tote Hosen.“

„Aber eine klitzekleine Kleinigkeit muss ich noch loswerden: Wenn die Frauenpartei für Gleichberechtigung steht – werden die Mädchen demnächst auch Grundwehrdienst leisten? Viele Namen haben die eh nicht am Papier stehen. Und noch nicht einmal ohne Männer scheinen die antreten zu können. Hm, Europa wurde nicht an einem Tag aufgebaut und unsere Union wird nicht an einer Wahl zu Grunde gehen. Unsere Bürokraten-Vereinigung. Eine simple Lösung scheint es nicht zu geben. Die Mischung macht es. Und so lange die uns unser Bier nicht verbieten, stört sich in Bayern eh keiner an deren Tun. Hier wird niemand auf die Barrikaden gehen. Die werden schon nicht am Reinheitsgebot rumpfuschen. Ich hoffe nur, dass sie nie endet, die Wohlfahrt des Volkes.“
Fortsetzung folgt.
© politecke

7.6.09 15:31

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