Im Griff (27/2009)

Im Griff (27/2009)

Samstag, 04. Juli 2009
Bundeswehrboy
Friedensfreund
Gedichtgirl
Kunstkennerin
Lippenstiftlobbyist
Wirt

 „Im Griff der Feinde fürchten unsere Jungs tagtäglich um Leib und Leben. In Begriff der Ausweglosigkeit scheint es für Viele kein Morgen zu geben. Bisher haben dies leider nur Wenige begriffen“, kommentiert der Wirt und verschwindet kurz in den Keller, um eine Flasche Asbach für seine Gäste zu holen. Gedichtgirl: „Deutsche Tanks in Afghanistan, / stehen zur Schlacht gegen Taliban. / Es rasseln die Ketten, sie singen im Chor: / What fucking reasons are we here for?“ „Man hätte da nie mitmachen sollen“, meint der Friedensfreund, „und jetzt haben die noch immer nicht die Eier, ihren Fehler einzusehen und die Konsequenzen zu ziehen.“ Bundeswehrboy: „Die politische Couleur ist uns egal. Wir erfüllen unseren Auftrag.  Bei Wind und Wetter, diesem belastenden Klima, trotz Trennung zu Kind und Kegel, zu Frau und Familie. Wir erfüllen alle nach bestem Wissen und Gewissen unseren Auftrag. Sonst nichts. Mit Politik haben wir glücklicherweise nichts am Hut. Jedenfalls nicht im Dienst. Nicht mit dem Adler auf der Brust. Das ging ohnehin noch nie gut. Wir sind dort keine Besatzer. Wir sind auf Bitte des afghanischen Präsidenten und zu Schutz und Trutz der Afghanen dort unten. Zum Wiederaufbau. Afghanistan war vor dem Krieg auch schon unterentwickelt. Und gerade wir Deutsche sind dort sehr angesehen und beliebt und große Hoffnungsträger und Sympathisanten – da darf man die Eier nicht einziehen und so mir nichts dir nichts weglaufen. Die Taliban werden sich mit diesem Staat keinesfalls zufrieden geben. Wir würden durch Roll-Back noch mehr ins Visier des Terrors geraten. Eines erstarkten und besser motivierten Terrors.“ „Das Volk will den Einsatz nicht länger. Das sagen die Meinungsumfragen. Punkt. Wenn das Volk tatsächlich herrscht, muss der Wille des Volkes geachtet werden, sonst herrscht es nur scheinbar.“


Gedichtgirl: „Der Imperator war ein Thor. / Es rollt schon lange nichts mehr vor. / Sie suchen ihr Glück / in der Flucht zurück.“ „Warum nicht komplett auf Englisch beziehungsweise komplett auf Deutsch?“ „Dieser Kampfeinsatz war keine deutsche Idee. Und unsere Leo-II-Kampfpanzer fahren Kandier, in Südafghanistan. Deswegen. Bin aber noch Anfängerin in Sachen Lyrik.“ Der Wirt betritt den Raum und lächelt dem Bild zu. Er erzählt: „Oh Mann – ich hätte fast keine Flasche gefunden – da stehen so viele im Keller rum. Das ist schon fast wie die berühmte Nadel im Heuhaufen zu suchen.“ Kunstkennerin: „Wenn man die Nadel im Heuhaufen nicht findet – einfach den Heuhaufen anzünden! Klappt immer. Für Nebenwirkungen übernehme ich keine Haftung.“ „Aber die wären gut für die Wirtschaft. Katastrophen, Kriege und Unglücksfälle sorgen immer für positive Impulse für die Konjunktur.“ „Apropos Krise – wie läuft es denn bei euch, lieber Lippenstiftlobbyist?“ fragt der Friedensfreund.


„Unserer Branche geht es gut. Wie immer in Krisenzeiten. Man spricht selbst in elitären Kreisen vom Lippenstift-Indikator. Steigen unsere Absätze, steckt unser Staat in der Krise. In schwierigen Zeiten ist dies jedesmal so. Keine Ahnung warum. Vielleicht will man verbergen, dass es einem schlecht geht und schminkt sich deswegen.“ „Ich weiß. Das hat unser VWL-Professor neulich in seiner Vorlesung berichtet. Schon erstaunlich, dass dafür Geld zur Verfügung steht“, meint das Gedichtgirl und zündet sich eine Zigarette an.


„Seit wann wird hier wieder geraucht?“ erkundigt sich der Wirt. „Das ist doch nur ein Nebenkriegsschauplatz an der Heimatfront. Und Wahlkampfthema. Viel wichtiger ist etwas ganz anderes: V-Leute raus aus der NPD – die bringen uns nämlich nichts. Kosten uns Steuerzahlern aber einiges. Sie sind unverlässlich bis dort hinaus. So ein Typ aus Westdeutschland hat die NPD mit diesen Steuergeldern sogar aufgebaut. Diese V-Leute haben unsere Sicherheitskräfte in der Hand. Könnten unseren Staat desinformieren, sprich, ganz gezielt mit falschen Informationen füttern. V-Leute raus aus der NPD – und dann eventuell ein neues Verbotsverfahren forcieren.“ „Ich bin gegen Parteienverbote. Absolut. Ist die Partei weg vom Fenster wird in Windeseile eine Neue gegründet. Unser Problem bleibt ungelöst. Wir müssen Faschismus und Rassismus an der Wurzel bekämpfen und ihr nicht den nachwachsenden Kopf abhacken. Das gilt allgemein, nicht nur auf die Neonazis bezogen. Parteienverbote bringen uns nicht weiter. Ich halte es für wenig demokratisch und absolut antipluralistisch, diese Idee vom Parteienverbot.“


Fortsetzung folgt.
© politecke

4.7.09 20:34

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